Was du jetzt brauchst. Von faulen Kompromissen. 

 
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Kürzlich hatte ich ein interessantes Gespräch mit einer mir vorher unbekannten Person.

Es ist nicht weiter verwunderlich für mich, sehr viele private Dinge von anderen Menschen zu erfahren. Das gehört zu mir und meinem Leben dazu. Ich strahle wahrscheinlich etwas aus, was mir den Zugang zu tiefgründigen Gefühlen bei anderen erleichtert.

Vielleicht ist es das Zuhören, denn das kann nicht jeder. Doch an diesem Tag mit besagter Frau war es anders. Sie hatte schon eine ganze Menge erlebt und ich glaubte ihr jedes Wort.

Nur zuhören wollte ich nicht. Denn ihre Erfahrungen taten mir weh. Den Tag hatte ich ganz anders geplant und war, bevor ich auf sie traf, mit mir und meinem Leben zufrieden und gutgelaunt.

Sie erzählte mir von ihren Kindern. Drei zog sie groß und keines kümmerte sich jetzt um sie. Sie wollte das nicht, denn sie wusste selbst, wie es ist, jemanden zu pflegen. Sie erzählte, dass sie bis heute den Geruch der alten Mutter in der Nase hat, als sie sie windelte.

Sie wusch und kämmte ihre Mutter im Alter, fütterte sie, zog sie an und aus. Sie bettete sie und wurde über Jahre von ihrem wirren Geschrei nachts aus dem Schlaf gerissen.

Sie rief die Feuerwehr, als es in ihrem Haus qualmte, weil ihre Mutter die Lampe mit ins Bett genommen und zugedeckt hatte.

Sie half ihr auf, wenn sie stürzte und ertrug die dementen Hasstiraden und Beleidigungen, die sich manchmal wie in einem nicht endenwollenden Albtraum über sie ergossen.

Alte Leute können wirklich sehr böse werden, wenn sie nicht mehr Herr ihrer Sinne sind.

Sie ging Vollzeit arbeiten für 6 Euro die Stunde, weil sie dieses unendlich schwere Schicksal wie viele andere hier trug, irgendwie zu überleben in Zeiten flächendeckender Arbeitslosigkeit.

Ihre Mutter war schon immer eine schwierige Person. Das Leben mit ihr war nie einfach. Manchmal erhob sie ihre Hand, wenn ihr ihre vier Kinder über den Kopf wuchsen. Die Ohrfeigen taten offenbar so weh, dass die Frau sich beim Erzählen unbewusst die Wange rieb.

Dann schob sie sich zaghaft eine Strähne zur Seite. Ihre schöne Stirn kam zum Vorschein. Ich kenne solche Frauen – gebildet, gepflegt und in sich ruhend. Sie erinnerte mich an die Mutter eines Freundes. Er war das Kind einer Lehrerin und sie damals mein großes Vorbild. So besonnen und feinsinnig, die Komplexität der Welt verstehend und die Zusammenhänge der Menschen in ihr.

So ähnlich ging es mir mit meinem Gegenüber. Die Frau seufzte und sah mich mit ihren wachen Augen an.

Haben Sie Kinder? 

Ja, eine Tochter. Sie ist sehr feinfühlig und oft auch schwierig. 

So wie Sie? 

Ja, gab ich kleinlaut zu. Vielleicht so wie ich. 

Wissen Sie, ich habe oft überlegt, mich von meinem Mann zu trennen. Mein Leben lang. Er war einesteils ein guter Kerl.
Aber er hatte zwei Gesichter. 

Manchmal wollte ich aus Allem weg. Von ihm weg und von meiner Mutter weg. Endlich tun und lassen, was ich möchte…

Aber Sie sind geblieben…

Ja, wegen der Kinder. Ich dachte, sie brauchen eben beide Eltern, damit sie sich gut entwickeln. Die Zeit war ja auch anders. Nicht alles so flott wie heute.

Nö, ich wollte das den besagten Tag  einfach nicht hören. Es interessierte mich schon, doch ich habe selbst viel durch und den Kopf zu voll.

Dann gibt es mal diesen einen schönen Tag, wo du dich leicht fühlst, richtig gute Laune hast und einfach herrlich entspannt bist und dann verwickelst du dich in dieses furchtbar tiefgründige Gespräch. Warum eigentlich immer ich?

Ich muss jetzt gehen, es wird langsam Zeit… versuche ich mich herauszuwinden. Hach, es ist so schlecht gelogen, ich bin nicht besonders gut darin.

Doch ich weiß auch, dass mich das wieder alles tagelang beschäftigen wird, mein Mann gelangweilt oder wütend reagiert, weil so ein Wesenszug wahrscheinlich unendlich nervt und mein Kind bestimmt wieder ankommt und sagt „Mama, hättest du lieber nicht so viel mit anderen geredet…“

Wie alt ist ihr Kind? 

Sieben

Warum ist sie denn schwierig? 

Sie ist oft wütend. Mit mir vor allem. Sehr schlau und alles, aber eben auch willensstark und eigensinnig. Und mit Fremden redet sie nicht. Sie ist manchmal… 

Ich ringe nach Worten und irgendwie mit mir selbst. Was tue ich hier eigentlich? Ein fremder Mensch, der da sitzt. Vom Leben gebeutelt und doch so stark. Aber echt kein Grund, jetzt über mein Kind zu reden. So langsam regt mich das hier auf. Ich rege mich über mich auf. Es kriecht Unmut in mir hoch.

Wissen Sie, ich muss jetzt wirklich… 

Ich glaube, Sie sind eine gute Mutter und ihr Kind stolz auf Sie. Man merkt das an ihrer Art. Und ich glaube, dass ich Sie schon viel zu lange aufgehalten habe. 

Doch heute morgen bin ich aufgestanden und habe mich gefragt, was ich wohl wirklich brauche. 

Meine Mutter ist nun seit einem halben Jahr tot und gestern ist mein Mann gestorben. Und das war mehr oder weniger mein Lebensinhalt. Jetzt kann ich eigentlich tun und lassen, was ich will, aber… 

… jetzt sind Sie alt? rutscht es mir heraus. Oh Himmel, wie peinlich.

Ja, das auch, lächelt sie. Aber vor allem weiß ich nicht, wie das geht. Mein ganzes Leben war doch nur ein Kompromiss.

Ein fauler Kompromiss.

Ich lasse mich neben sie auf die Bank sinken. Jetzt zu gehen, wäre wahrscheinlich wirklich ungünstig. Mein Gefühl sagt mir, doch noch sitzen zu bleiben. Die Worte treffen mich, ich weiß nur nicht genau, warum.

Ich traue mich kaum, die Frau von der Seite anzusprechen. Mir ist gar nicht wirklich nach Sprechen zumute.

Und wissen Sie, was am Schlimmsten ist? 

Zaghaft schüttele ich den Kopf.

Wahrscheinlich würde ich alles genau nochmal so machen. 

Mit diesem Gedanken lasse ich dich, lieber Leser, jetzt allein. Ich musste wirklich ein paar Tage darüber brüten. Manchmal ist man so sehr in bestimmten Mustern gefangen, dass man gar nicht in der Lage ist, sie zu ändern.
Ist das die Quintessenz?

Oder dass wir tun können, was wir wollen – es zieht uns eben immer wieder dort hin, wo es uns vertraut ist (auch wenn es gar nicht immer schön ist?)

Auf jeden Fall danke ich dir fürs Durchlesen.

 

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