Sie redet immernoch nicht. Keinen Ton.

 
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Sommer 2013. Die Eingewöhnung im Kindergarten hatten wir mit unserer Tochter geschafft.
Eine Woche mit harter Trennung. Sie weinte jeden Tag und wollte nicht allein dableiben.
Ich durfte nur zwei Tage mit dortbleiben, dann wurde ich für eine halbe, später für eine, dann für zwei Stunden hinausgeschickt. Danach war die Eingewöhnungszeit auch schon um.

Vor zwei Monaten waren wir erst ins Leipziger Land gezogen und kurz davor hatte ich noch einen Krankenhausaufenthalt wegen meines Morbus Crohn.
Geplant war der Kindergarten erst im September 2013.
Aber alles war schiefgelaufen.

Wir mussten sofort und gleich den Platz in Anspruch nehmen.

Obwohl wir schon unseren Urlaub geplant hatten. Eine Woche Eingewöhnung. Drei Wochen Urlaub. Und dann ging der Kindergartenalltag los.
Das sieht doch ein Blinder, dass das ungünstig für die sichere Bindung an die neue Bezugsperson – die Kindergärtnerin – ist?
In einer Manier, die mir aus DDR-Zeit gut bekannt war und mir sauer auf stoß, wurde ich abgefertigt.

„Aber Frau Schubert, andere Kinder haben es doch auch geschafft. Sie wird hier schon klarkommen. Nicht so in Watte packen. Sie haben eine zu enge Beziehung zu Ihrer Tochter.“

Mir drehte sich der Magen um.

Unsere Tochter war kein Krippenkind gewesen.

In Freiberg gab es jedoch wunderschöne Angebote für Kinder unter drei Jahren.
Wir besuchten Krabbelgruppen der Diakonie und des Kinderschutzbundes, gaben unser Mäusel in eine stundenweise Betreuung und besuchten mit ihr den Flohsport. Sie war immer fröhlich und aufgeweckt.

Doch hier im Leipziger Land war alles anders.

Ich versuchte nochmals zu erklären, dass es unserem Kind nicht guttut, so ein Hin und Her mitzumachen.
Für das Kind war es doch alles andere als günstig, mit anderen Kindern verglichen zu werden.
Es war doch gar nicht vergleichbar.

Sie muss die ganzen Strukturen eines Kindergartens erst lernen! Genaugenommen hätte sie eine sehr spezielle und wahrscheinlich auch längere Eingewöhnungszeit gebraucht!

Morgens kamen wir in den Kindergarten.
Da rief die Erzieherin schon über den Flur:

„Sie redet immer noch nicht. Keinen Ton. Mit niemandem, nicht mal den Kindern.“

Mensch Leute, sie war nach drei Wochen Urlaub sehr verstört, gleich allein in den Kindergarten zu müssen.
Was sollte ich dazu noch sagen?
Ein sehr schlechtes Bauchgefühl machte sich in mir breit.
So etwas ist nicht besonders förderlich, wenn die Mama plötzlich Zweifel bekommt.
Das überträgt sich auf das Kind. Unbewusst natürlich.

Es tat mir alles so weh.

Sie hatte keinen Spaß im Kindergarten und erstarrte, wenn sie angesprochen wurde.
Wo war unser fröhliches Kind geblieben?
Ich heulte, heulte und heulte.
Andere Mütter trösteten mich.
Es würde ja allen so weh tun und ich brauche mir keine Sorgen machen.

Ich müsse nur loslassen.

Was war das immer mit diesem Loslassen?
Ich fühlte mich vom Leben veralbert.
Wir wurden zu Helikopter-Eltern, ohne es zu wollen?!
Nein, das waren wir nicht, wir konnten sehr gut loslassen.
Oder doch nicht?
Lag es an uns Eltern, dass sie so verstört war?

Loslassen, loslassen. Es dröhnte in meinem Kopf.

Doch wie und warum sollte ich das tun, wenn ich doch merkte, sie kommt mit der neuen Situation nicht klar?
Leider blieb sie so stumm.
Sie redete nicht einen Ton mit irgendjemandem im Kindergarten, außer einer Praktikantin und einer sehr netten Vertretungserzieherin, die sie wahnsinnig liebte.
Aber nur sporadisch und flüsternd. Nach einem viertel Jahr nicht, nach einem halben Jahr nicht, gar nicht.

Mittlerweile war sie drei ein halb und wir verzweifelten bald.

Das Nicht-Sprechen lag auch im Fokus der nunmehr vierten Erzieherin innerhalb eines halben Jahres.
Denn das kam nach einem Gruppenwechsel noch dazu, dass ständig die Bezugspersonen wegbrachen.
“Sehr ungünstige Umstände” bestätigte später eine Logopädin, die gleichzeitig geschult war auf schweigende Kinder.

Dann bekam das Ganze einen Namen: Selektiver Mutismus.

Unser Leben veränderte sich für immer und wir würden ab jetzt eine Menge neuer Erfahrungen machen. Nicht immer nur Gute. Doch dazu in einem nächsten Artikel mehr.

Ich bin seit diesem Tag ein richtiger Gegner von diesen Massenabfertigungen geworden. Ja, ich weiss, das ist die Zeit, das System. So ist es nun einmal. Es schadet auch den Kindern nicht.

Nein, natürlich nicht. Außer manchen. Es hat niemand die Schuld. Doch wir müssen mehr Verantwortung übernehmen, wenn wir uns alle so super toll in ein “System” einpassen, was eben nicht für alle und jeden gleich gut oder schlecht ist.

Weder für die Familien, noch den Nachwuchs.

Und das trifft im Übrigen nicht nur auf die bescheidene Kindergartensituation in Deutschland zu.

Herzliche Grüße,

 

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