Selektiver Mutismus

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Sieh´ mich an und sprich mit mir!

Wenn dein Kind nicht mit jedem redet – dann hat das einen Namen. Doch der Weg des Erkennens ist oft lang und nicht immer einfach. Es gibt jede Menge Vorurteile und auch schädliche Reaktionen auf das Nicht-Sprechen deines Kindes. Darum geht es hier in meinem Blog.

Doch zuerst einmal die Erklärung: Was ist selektiver Mutismus?

(entnommen der Webseite von StillLeben e.V.)

Selektiver Mutismus beschreibt die Unfähigkeit, in spezifischen sozialen Situationen (z.B. Kindergarten/ Schule) oder mit bestimmten Personen (z.B. Personen, die nicht zum engsten Familienkreis gehören) zu sprechen.
Folgende Merkmale können auf Menschen mit selektivem Mutismus zutreffen

  • Das Kind spricht in bestimmten Situationen nicht. Zu Hause und mit vertrauten Personen spricht es.
  • Zu Hause ist es sehr expressiv und redet teilweise extrem viel (Nachholbedarf).
  • Das Kind hat Schwierigkeiten Interaktionen zu initiieren (z.B. Begrüßung/ Abschied/ Dank/ Fragen).
  • In der Schule wird das Nicht-Sprechen oft mit guten schriftlichen Leistungen kompensiert.
  • Das Kind scheint die es umgebende Welt im Vergleich zu den Altersgenossen sorgfältiger zu beobachten und wahrzunehmen (auch im Hinblick auf Stimmungen und Emotionen), es hat aber oft Schwierigkeiten die eigenen Gefühle auszudrücken.

In Momenten des Schweigens können sich zeigen

    • „blanker“ Gesichtsausdruck,
    • starre Lippen (kein Lächeln),
    • starrer Blick,
    • fehlender Blickkontakt,
    • „eingefrorene“/ „versteinerte“ Körperhaltung/ Mimik/ Gestik,
    • steifer Körper, angeklemmte Arme, verkrampfte Hände,
    • verzögerte Reaktionen.

Das Verhalten von Kindern, die unter bestimmten Bedingungen Schweigen, wird von ihrer Umwelt oft als bockig, störrisch oder einfach extrem schüchtern fehlgedeutet.
Eltern werden durch Erzieherinnen und Lehrerinnen in der Regel über das beharrliche Schweigen informiert. Auf Grund der Hoffnung, das Kind würde aus dem Schweigen „herauswachsen“, findet oft genug jedoch keine angemessene Intervention statt.

Manchmal wird voreilig und fälschlicher Weise ein Autismus vermutet. Eine richtige Diagnose und damit verbundene therapeutische Schritte sind für ein solches Kind jedoch von großer Bedeutung.
Die Erfahrung zeigt, dass sich bei Nicht-Eingreifen das Störungsbild stärker manifestieren kann, sich über Jahre hält und sich letzten Endes die gestörten Kommunikationsmuster bis ins Erwachsenenalter hineinziehen.

Was können Sie als Eltern tun?

Besteht das Schweigen länger als vier Wochen, dann veranlassen Sie eine sprachtherapeutische Untersuchung ihres Kindes. Dazu ist eine Heilmittelverordnung über Sprachtherapie nötig, die von Ihrem Kinderarzt oder HNO-Arzt ausgestellt wird. Selektiver Mutismus fällt unter die Sprachentwicklungsverzögerungen;  dies muss auf der Verordnung angegeben sein.

Die Therapie wird von den Krankenkassen bezahlt und wird von Sprachtherapeuten (Logopäden, Sprachbehindertenpädagogen oder Atem-, Sprech- und Stimmlehrern) durchgeführt.
Achten Sie darauf eine mit dem Störungsbild vertraute Therapeutin zu wählen, bei der zu Beginn der Therapie ein ausführliches Gespräch mit Ihnen im Vordergrund steht. Eine enge Zusammenarbeit zwischen den Eltern, Erziehern/ Lehrern und evtl. Psychotherapeuten ist zu empfehlen.

Was ist zu beachten?

      • Das Schweigen nicht persönlich nehmen!
      • Das Nicht-Sprechen als aktives Handeln erkennen, das – irgendwann einmal- einen brauchbaren Zweck für das Kind / den Jugendlichen erfüllt hat.
      • Das Schweigen kann von den Betroffenen nicht bewusst unterlassen werden, da es über Jahre hinweg entwickelt und aufrechterhalten wurde.
      • Nicht zum Sprechen auffordern oder gar drängen. Die Erfahrung des „Versagens“, des Nicht-Antworten-Könnens machen die Kinder ohnehin schon viel zu häufig. Jede Aufforderung zum Sprechen erhöht den Druck auf das Kind und die Angst vor dem nächsten Sprechanlass.
      • Heben Sie die erste Äußerung des Kindes wenn überhaupt außerordentlich sensibel hervor.
      • Stellen Sie das Kind nicht in den Mittelpunkt.
      • Grenzen Sie das Kind nicht aus.
      • Die letztendliche Entscheidung, ob und wann das Nicht-Sprechen aufgegeben wird, trifft der Betroffene selbst! Unsere Aufgabe besteht darin, zu begleiten, die Kompetenzen zu fördern, uns in Geduld zu üben und verstehen zu lernen.

Hilfreiche Fragen

        • Wie, wann und mit wem kommuniziert Ihr Kind?
        • Wie reagiere ich, wie andere auf das Nicht-Sprechen?
        • Was bewirkt Ihr Kind mit seinem Schweigen?
        • Hält Ihr Kind Blickkontakt? (Wenn ja wann und mit wem?)
        • Welche anderen nicht-sprachlichen Mittel (Gestik/ Mimik) setzt Ihr Kind ein?
        • Reagiert Ihr Kind angemessen auf Anweisungen?
        • Wie kann es seine Ziele erreichen?
        • Gibt es Ausnahmen? (Hat Ihr Kind schon einmal „aus Versehen“ gesprochen? Wann, wo, mit wem?)
        • Was kann Ihr Kind besonders gut?
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