Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl

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Kennst du diesen Satz, wenn du jemandem von einem Problem erzählst, dass du hast und das Gegenüber knallt dir die berühmte Antwort vor die Füße:

“Du hast nicht genügend Selbstbewusstsein – es kann dir doch egal sein, was andere über dich denken!“

Falsch! Keinem ist egal, was andere über einen denken.
Der Mensch ist ein soziales „Tier“ – und braucht die Interaktion mit anderen Menschen, den Austausch, die Berührung, die Gemeinschaftlichkeit – aber auch den Wettkampf, die Abgrenzung und die Individuation.
Alles das macht uns aus – und nicht nur uns, auch in der Tierwelt ist das nicht viel anders. Doch was die wenigsten wissen ist, dass sich das Selbstbewusstsein aus dem Selbstvertrauen und dem Selbstwertgefühl zusammensetzt.
Während das Selbstvertrauen aussagt, wie sehr du dir selbst vertraust- also deiner Wahrnehmung, deinen Gefühlen und Gedanken, deinem Wertesystem, deinen Talenten, deinem Können; so erzählt dir das Selbstwertgefühl, wie viel du dir selber wert bist.
Das Selbstvertrauen ist also deine innere, persönliche Bewertung – das Selbstwertgefühl ist eher eine Bewertung, die du dir durch das Erleben mit deiner Umwelt abgespeichert hast. Der Selbstwert ist also auch davon abhängig, wie sehr dich andere bestätigen oder ablehnen.

Und ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Was andere über uns denken, ist für unseren Selbstwert sehr wichtig.

Wird der Selbstwert beispielsweise über Jahre untergraben, zum Beispiel durch Mobbingsituationen, aber auch durch andere traumatische Erlebnisse – so kann durchaus auch irgendwann das Selbstvertrauen erschüttert werden. Wenn die Bewertung durch „außen“ beispielsweise stets schlechter ausfällt als die Bewertung durch „innen“ – so versucht unsere Psyche diesen merkwürdigen Umstand unter einen Hut zu bekommen, einen Ausgleich hinzubekommen. Wer eine zu große Spanne zwischen dem Selbstwertgefühl und dem Selbstvertrauen erlebt, sollte sich auch entsprechende Unterstützung und Hilfe durch einen Psychologen holen. Nur ruhig Blut, sich selbst zu reflektieren, sich zu hinterfragen, seine eigenen Handlungen noch einmal zu überdenken, damit der Umgang mit dem Umfeld besser läuft, gehört zu einem gesunden Selbstbewusstsein dazu.
Wer sich selbst gut einschätzen kann, sich seiner selbst bewusst ist – der findet auch eine Lösung für jedes noch so brenzlige Problem.

Doch es gibt Menschen, die verstehen unter Selbstbewusstsein etwas ganz anderes: nämlich, egoistisch zu sein.

Egoismus bedeutet, „seinen Weg zu gehen“, ohne nach links oder rechts zu sehen. Der Egoist schätzt im Gegensatz zum selbstbewussten Menschen keine Konversation, keinen Meinungsaustausch – sondern, er macht einfach, was er will.

Andere Menschen und ihre Gefühle sind nicht wichtig, es geht nicht darum, Gemeinschaftlichkeit zu leben, sondern darum das verletzte „Ich“ zu retten, koste es, was es wolle. Der feine Unterschied zum selbstbewussten Menschen ist der, dass sich Egoisten scheinbar tatsächlich keine Gedanken darüber machen, was andere von ihnen halten.
In Wahrheit aber sieht das Ganze anders aus: Der Egoist macht sich viel zu viele Gedanken darum, wie andere ihn sehen – er bewertet sich aber schlecht und hat eine rigorose Strategie gefunden, zu „überleben“. Er mauert einfach und blendet so ziemlich jede Regung, die von „außen“ an ihn herandringt, aus.

Egoismus könnte also auch schon als behandlungsbedürftig bezeichnet werden.

Leider wird Egoismus von Hobbypsychologen und Laien sehr oft nicht nur mit Selbstbewusstsein verwechselt, nein noch schlimmer! Selbstbewusste Menschen sollen am besten egoistisch werden – indem man ihnen mangelnden Selbstwert unterstellt. Das ist wirklich fatal und kann sogar recht gefährlich werden.
In unserer heutigen Zeit gibt es viel mehr Egoisten, die die Ellenbogen ausfahren, statt sich auszutauschen. Du erkennst sie auch daran, dass Kritik scheinbar total an ihnen abprallt, sie jedoch in Wahrheit zutiefst darüber gekränkt sind.
Wer kein Selbstvertrauen besitzt, hat einen sehr empfindlichen inneren Kern. Dieses innere kleine Kind wurde nie wirklich bestärkt und beschützt, war nur Drohungen oder Strafen ausgesetzt, auf jeden Fall kontinuierlichen Maßregelungen – oder aber es wurde überbehütet, in Watte gepackt und durfte nie eigenständig werden.
Beiden Typen ist gleich, dass jemand anderes ihnen etwas übergestülpt hat, was sie nicht selber sind, sie konnten nie ein Selbstvertrauen entwickeln. Den Selbstwert jedoch haben sie sich meist erkämpft, indem sie beruflich erfolgreich sind, meistens richtige Workaholics, die ohne Arbeit gar nicht können, oft auch Perfektionisten (was durchaus auch ausarten kann in zwanghafte Störungen), Menschen, die gern alles und jeden unter Kontrolle haben und die natürlich ihren Weg gehen – stark und unabhängig.

Deshalb werden sie oft bewundert für ihr „Selbstbewusstsein“.

Wenn Menschen dir mit ihrem Verhalten Probleme bereiten und du dir darüber jede Menge Gedanken machst, heißt das nicht sofort, dass du nicht selbstbewusst bist. Es zeigt nur, dass du eine Lösung für das Problem suchst, dass du auch in der Lage bist, dich selbst zu hinterfragen („könnte es an mir liegen, dass die Situationen eskalieren“) und dass du deine bisherigen Erfahrungen im Umgang mit deinen Mitmenschen mit der zur Zeit vorherrschenden belastenden Situation vergleichst, sozusagen Schritt für Schritt abgleichst.

Solche Prozesse können viel Zeit durchlaufen, jeder Mensch ist unterschiedlich.

Aufpassen muss man nur, wenn sich keine Lösung findet, der „Abgleich“ stattgefunden hat und du an dir nichts Außergewöhnliches feststellen konntest, was dieses oder jenes Verhalten am Gegenüber auslöst. Dann wird es Zeit für Alternativen: Je nach Situation entweder den Austausch, die Diskussion suchen oder den Rückzug antreten, um sich selber zu schützen. Die dritte Position wäre das vermittelnde Verhalten, Kompromisse zu finden, auch ohne das Gegenüber. Aber bitte mit einem gesunden Selbstbewusstsein – und ohne ungesunden Egoismus.

Eine wundervolle Selbsterfahrung wünscht

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