Meine Nationalität ist Mensch. Der Osten, der Rechtsextremismus und Deutschlands Aufarbeitung.

 
Voraussichtliche Lesezeit: 8 minutes

Um vorwegzunehmen, worum es in diesem Artikel geht:

Wir benötigen dringend einen neuen Weg. Ein anderes, neues Deutschland. Eine ehrliche und offene Aufarbeitung. Diskussion und Gespräche. Wir brauchen neue Blickwinkel. Andere Kulturen und Religionen als Bereicherung.

Ein Open-Your-Mind- Brainstorming. Eine offene und moderne Gesprächskultur. Eine echte Demokratie.

In letzter Zeit fühle ich mich sehr allein gelassen, wenn es um das Thema Rechtsradikalismus und Fremdenhass geht. Dieses abwartende Schweigen und Wegschauen… Es wird nicht darüber geredet und wenn überhaupt, spricht jeder nur hinter vorgehaltener Hand, wenn er einigermaßen weltoffen ist.

Was ist das: Angst?

Ja, sagt mir eine Mutter, ich habe Angst um meine Kinder, wenn ich mich öffentlich zu Weltoffenheit und Toleranz – auch Fremden gegenüber – bekenne. Ich lebe zwar danach, aber ich will kein öffentlicher Gegner von Rechten sein.

Zu tief sitzen bei ihr die Erlebnisse der Neunziger, als sie überall waren, wie eine Landplage und äußerst aggressiv: Neonazis.

Offenbar haben sehr viele Leute das Bild der Neunziger vergessen, als im gesamten Osten die „Glatzen“ herumliefen mit schwarzen und grünen „Bomberjacken“ und schwarzen Springerstiefeln mit weißen Schnürsenkeln. Übrigens mit Stahlkappen drin, auch wenn  das verboten war. Hat das irgendjemand kontrolliert?
Ich weiß es, sie tun weh im Bauch, diese Stahlkappen. Ich war gerade 13 Jahre alt, als solche Brutalos an unsere Schule (Südbrandenburg, an der Grenze zu Sachsen) und in mein Leben traten und mir sehr viel Freude genommen haben.

Aber es nahm ja niemand ernst. Jugendkultur. Pubertät.

Das auch Blut lief, wollte keiner hören oder sehen. Baseballschläger waren das Hauptwerkzeug. Tja und nun sind diese Leute erwachsen und haben selber Kinder.
Und mir erzählen andere, Rechtsextremisten gibts nicht in Sachsen. (neuen Bundesländern, alten Bundesländern, Deutschland!)
Alles hochgeschaukelt, damit der Osten schlecht dasteht. Ganz ehrlich, macht mal die Augen auf. Es ist sehr gefährlich, auf die Jugendlichen des Landes nicht aufzupassen. Oder wollen wir den gleichen Fehler wie in der Nachwendezeit wiederholen?
Hier wurden damals nach der Wende so ziemlich alle komplett allein gelassen mit sich selbst.
So viele sind mitgerannt, entweder weil sie es toll fanden oder Angst hatten.
Wir waren halbe Kinder. Bis heute sagt doch keiner, was los war. Dabei kennt sie jeder. Die provisorische Polizei entpuppte sich damals als recht handlungsunfähig oder -willig. Sie hatten doch selbst mit der Wende zu kämpfen, den unausgegorenen Übergangslösungen. Kein Mensch wusste, wohin der Weg geht, was richtig oder falsch ist, woran man sich orientieren soll.

Weltoffen wird der Osten in diesen Zeiten jetzt ganz sicher nicht

Jetzt haben wir von allen Seiten Extremisten und Terroristen. Religiös, politisch – wohin man schaut, wächst das Aggressionspotential.
Das ist momentan kein Vergnügen, weltoffen zu sein. Mit Islamisten ist tatsächlich auch nicht zu spaßen. Die Verunsicherung in der Bevölkerung wächst. Viele sehnen sich nach Sicherheit, nach Zusammenhalt – sie wollen sich über eine gewisse Identität begreifen und definieren. Als Volk quasi. Damit hat es Deutschland schwer, wir sollen, wollen, dürfen einfach nicht so etwas wie ein “Stolz sein” empfinden. Das stößt vielen sauer auf. Sie brauchen das Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist nicht nur in Deutschland so, sondern europaweit.
Jetzt gibt es einen rechten Fahrtwind und zu viele Leute springen auf diesen Zug auf.

Die Schulzeit nach der Wende war der Horror

Während meiner Schulzeit kamen gleich nach der Wende durch Schulzusammenschluss neue Mitschüler an unsere Schule. Viele waren nicht nur frech, aggressiv und gewaltbereit.
Etliche waren regelrecht verseucht mit rechtem Gedankengut. Wir waren Schüler der achten Klasse!
Damals schlossen jede Menge polytechnische Oberschulen. Klassen wurden zusammengelegt, manche Jahrgangsstufen fehlten ganz. Das kam durch die schnelle und massive Abwanderung. Soziale Strukturen zerbrachen, westdeutsche Maßstäbe hielten Einzug.
Im “Freundebuch” meiner Realschul-Zeit gibt es Seiten, die voll sind mit Hakenkreuzen und “Sieg Heil- Sprüchen”. Ganz abgesehen von den Lieblingsbands: Störkraft und Werwolf. Wie bitte kommen 13-14 Jährige an solche Musik?
Ich habe die restlichen drei Schuljahre nach der Wende gehasst. Es war einfach die reinste Hölle. Das alles, weil ich ein Peace-Zeichen auf einen meiner Hefter gemalt hatte. Fortan war ich die “Zecke”. Damals wusste ich überhaupt nicht, was das bedeutet. Jedoch ich habe es einfach perfektioniert, eine “Zecke” zu sein.

Denn mit diesen Leuten wollte ich nichts zu tun haben. Damit stand ich wahrscheinlich allein da, jedenfalls kam ich mir so vor. Während die einen heute verleugnen, was passiert ist, schweigen sich andere Mitwissende einfach aus und der Rest hat unter Umständen genau dieselbe Gesinnung. Ich habe keine Ahnung, was in den Köpfen derer vorgeht, die behaupten, in den neuen Bundesländern gäbe es kein Problem mit Rechtsextremismus.

Garantiert hat sich die Situation nicht entschärft

Es war übrigens wahnsinnig gefährlich, dort auszusteigen. Manche dieser Neonazis hatten keine Chance, einen eigenen Weg zu gehen. Sie waren jung und formbar. Brüder, Onkels und Freunde bestanden aus „rechts“.
Genauso gefährlich ist es, hier öffentlich darüber zu schreiben. Doch ich habe in meinem Leben mit so vielen Menschen diskutiert, unter anderem auch vermeintlichen “Nazis”, dass ich euch versichern kann, die meisten laufen nur mit.
Mit vielen konnte ich reden. Manche gaben sogar zu, nur mitzumachen, weil alle es tun. Es waren damals 16 – 17 Jährige, die ich auf Bahnhöfen zwischen Elsterwerda und Leipzig traf. Irgendwo zwischen Riesa und Leipzig gab es auch dieses Wurzen. DAS berüchtigte rechtsextreme Städtchen, was so friedlich im Muldetal liegt.

Heute wohne ich in der Nähe von Wurzen, durch das kürzlich die Antifa durchmarschierte

Was hatten die Leute Angst, ihre Stadt würde in Schutt und Asche gelegt.
Die Autonomen kämen und würden randalieren wie beim G20- Gipfel.
Dass die Demo so verzögert beginne, läge daran, dass einige Autonome in Bennewitz im Wald verschwunden wären und Abends den großen Überfall planen.
Ich hab selten so geschmunzelt, ganz ehrlich.

Eure Deutschen haben Mädchen mit Brille geschlagen

Was hätte ich der älteren netten verängstigten Dame auf dem Fahrrad alles erzählen können. In Brandenburg gab es Nazis, die kamen mit knallvollen Autos angefahren, hielten an, stiegen aus und du hattest ein Problem. Wenn du irgendwie andeutungsweise anders warst als rechts – dazu zählte zum Beispiel mein Nasenstecker, rote Haare oder Löcher in den Hosen – dann warst du geliefert.
Ich habe einiges an Prügel eingesteckt in jungen Jahren und es gab noch ein paar Mitstreiter, denen es ähnlich ging. Das haben wir niemandem erzählt, schon gar nicht den Eltern. Wir haben uns nur starke Verbündete zur Gegenwehr gesucht. Da haben sich Punks mit Hip Hoppern verbrüdert, um ein Zeichen gegen Rechts zu setzen.

Keine Märchen!

Fragt einfach mal herum, es weiss jeder überall im Osten darüber Bescheid. Von Meck-Pom bis Thüringen in den Neunzigern. Nach Norden hin war die Aggression steigend. Das Land Brandenburg möchte ich heute gar nicht weiter erwähnen. Hier gab und gibt es so viele Leute, die sich seit jeher öffentlich dazu bekennen, Nazis zu sein.
Gegen den Naziwahn kämpften einige Leute aus Finsterwalde (Südbrandenburg). Leider waren sie auch nicht weniger gewaltbereit. Doch ganz ehrlich, damals fanden dass so manche Verfolgten gut. Sorry, das ist die Wahrheit.

Heute sind alle “vernünftig” geworden

Viele tun so, als wäre das alles eine Jugendsünde gewesen oder stecken immer noch im Milieu fest. Die einen rechtsextrem und die anderen linksextrem. Extrem war in der Nachwendezeit total in. Im Grunde spiegelte es das Zeitgeschehen wider. Und ganz sicher vererbt sich das an die nächste Generation weiter!

Die Politik hat versagt

Ein ganz großer Vorwurf geht an alle Politiker, die vor allem uns junge Menschen haben einfach fallen lassen nach der Wiedervereinigung.
Ich sehe diese Aussage nicht politisch: Ihr habt als Erwachsene versagt, Kindern und Jugendlichen ein Vorbild zu sein und Verantwortung zu übernehmen.
Niemals hätte die Wiedervereinigung so stattfinden dürfen, wie sie stattgefunden hat. Ich rede hier nicht von dem Zusammenschluss an sich. Ich rede davon, wie dieser “Übergang” von Volkswirtschaft zu Marktwirtschaft stattgefunden hat.

Mich wundert immer wieder, dass kein Soziologe, kein Psychologe erklärt, was mit den DDR-Bürgern da passiert ist. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, jedoch für sehr viele Menschen war dieser schnelle Zusammenbruch der DDR wie ein Trauma, ein nicht enden wollender Albtraum. Es war nicht für alle der ultimative Hype. Viele sträuben sich bis heute bewusst oder unbewusst gegen die Wiedervereinigung. Auf jeden Fall hätte es anders laufen müssen, diesen Satz hörst du immer mitschwingen. Da bin ich mir sicher.

Das hat nichts mit der politischen Einstellung zu tun

In den Gegenden, wo mit einem Schlag – in einem Zeitraum – tausende Menschen gleichzeitig arbeitslos wurden, entstand schnell eine Art Massen-Versager-Syndrom.
Man traf sich auf dem provisorisch (!) eingerichtetem Arbeitsamt wieder. Da saßen ganze Belegschaften eines Betriebes. Die Scham war das Schlimmste. Das Ausschlachten durch die Medien fast kriminell. Die Äußerungen von Politikern wie Herrn Stoiber zig Jahre später ein Desaster, menschenunwürdig, das Allerletzte.
Ich erinnere an 2005:

„Dass in den neuen Ländern die größten politischen Versager, Gysi und Lafontaine, rund 35 Prozent Wählerstimmen erzielen könnten, das ist für mich nicht nachvollziehbar. Ich akzeptiere nicht, dass der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird. Die Frustrierten dürfen nicht über Deutschlands Zukunft bestimmen.“

Die PDS. Ein Thema für sich.

Doch in einem muss ich schon sagen, sie haben sehr wohl verstanden, worum es im Osten nach der Wende ging. Denn sie saßen mit uns mehr oder weniger in einem Boot. Vielleicht war es eine „Rest-SED“. Mag sein. Es war aber eine Partei, die genauso den Kopf schüttelte über die desaströse Abwicklung der DDR. Weil sie eben Ahnung hatten von der DDR, von den wirtschaftlichen Verhältnissen und natürlich von der ideologischen Prägung.
Das ist meine persönliche Meinung dazu und ich empfinde mich als recht unparteiisch.

Ich weiss nicht, ob es Zusammenhänge zwischen Osten und Rechtsextremismus gibt.
Jedoch wenn, dann ist der nicht in der Kinderkrippe beim “gemeinsam aufs Töpfchen gehen“ zu suchen.

Und nein, ich bin kein Jammerossi

Ich bin mit der Wende ganz gut klargekommen, weil ich aus einer großen Ost-West-Familie stamme. Ich habe keine Berührungsängste mit Menschen anderer Nationalität und bin so erzogen worden, mein Leben in die Hand zu nehmen.

Doch ich bin eine Gesellschaftsbeobachterin und es ist mein Anliegen, Problemen auf den Grund zu gehen. Auch das wurde mir und meinen Geschwistern von unserer Mama mit auf den Weg gegeben. Und ich liebe sie dafür so sehr.

Wir, die sagen: Meine Nationalität ist Mensch – Dann positioniert euch eindeutig und klar!

Es müssen viel mehr Leute zeigen, wofür sie stehen. Damit spreche ich jetzt alle die unter euch an, die gern in einer Demokratie leben, auch wenn es nicht alles perfekt ist. Die, welche nicht unbedingt links sind, aber weltoffen und vor allem menschlich. Empathisch. Tolerant.
Die, bei denen schon im Kopf ein Integrationsgedanke da ist. Die sich nicht grundsätzlich gegen alles sperren, was „anders“ ist. Die, die nicht von vornherein Vorurteile und Angst/Hassgedanken gegen andere Nationalitäten haben.

Es geht nicht um politische Gedanken. Es geht auch nicht darum, in der jetzigen Zeit nichts gegen die Flüchtlingspolitik sagen zu dürfen, denn diese Ängste sind meiner Ansicht nach begründet. Es geht darum, zu differenzieren und sich gleichzeitig klar gegen Fremdenhass zu positionieren.

Und hört auf mit dem politischen Mobbing von Parteien

Es sollte auch kein Bashing mehr gegen linke und rechte Parteien betrieben werden. Demokratie bedeutet, dass Wähler entscheiden, wer ihre Politik macht. Dafür gibt es Wahlen. Eine rechtskonservative Partei (Vaterlandsgedanke, Deutschlandliebe) ohne Nazi-Hintergrund muss genauso demokratisch wählbar sein wie eine linke Partei mit SED-Anteilen.

Wir leben eben in einem fusionierten Deutschland

Es gibt nicht mehr die „alte“ BRD wie zu Zeiten des kalten Krieges. Zwei Staaten sind miteinander in einen Austausch gegangen und das schreibt ganz einfach die Zeitgeschichte. Es ist eine logische Konsequenz, dass viele Leute extremer wählen als „früher“. Genauso, wie manche Bürger in ewiger Treue die Linke wählen, wird es auch immer einen rechten Rand geben.

Deutschland hat jede Menge aufzuarbeiten, geschichtliche Dinge zu verdauen. Es wurde zu sehr vielen Themen geschwiegen, hüben wie drüben. Von einem Trauma ins nächste, seit dem zweiten Weltkrieg. Die Vertreibung wurde auch niemals aufgearbeitet, ist jedoch wieder einen anderen Beitrag wert.

Ich möchte nur immer wieder daran erinnern, wass unser Land und seine Bewohner erlebt haben, wo ihre Wunden noch nicht zugewachsen sind oder immer wieder aufbrechen. Wo auch die Vergangenheit manche so sehr schmerzt, dass sie ihr nicht ins Auge sehen können, sie nicht wahrhaben wollen, nicht verstehen oder einfach so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Egal von welcher Seite.

Nur so eine Sache wie die Verbrechen der Nazis unter Hitler darf es nie wieder geben. Das darf auf keinen Fall wieder passieren. Es hat nichts damit zu tun, ob jemand seine Heimat liebt. Ob jemand Deutschland liebt. Ob jemand die kulinarischen Köstlichkeiten liebt und die deutsche Sprache. Die Traditionen und Bräuche.

Wir benötigen dringend einen neuen Weg. Ein anderes, neues Deutschland. Eine ehrliche und offene Aufarbeitung. Diskussion und Gespräche. Wir brauchen neue Blickwinkel. Andere Kulturen und Religionen als Bereicherung.

Ein Open-Your-Mind- Brainstorming. Eine offene und moderne Gesprächskultur. Eine echte Demokratie.

Emotionale, weltoffene Grüße und ein paar Minuten Zeit zum Nachdenken,

 

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