Ich schaff´das nicht allein. Aufwachen aus dem künstlichen Koma.

 
Lesezeit: 3 Minuten

Teil 2 der Serie Die Wende im Leben. Der unerkannte Morbus Crohn.

Es riecht komisch. Wo bin ich? Was ist passiert? Ich habe Angst.
Als ich mich bewege, gibt es ein Geräusch. Es ist ein Piepsen.
Pieeeep,Pieeeep…irgendwie so. Dann ein Läuten.
Oh mein Gott, was ist bloß los?

Ich taste vorsichtig meinen Kopf ab.

Irgendwie bin ich befestigt?
Sind da Schläuche an meinem Kopf? Gehen die in meinen Kopf?
Ich sehe mich um.
Rechts eine Tür. Geradeaus ein Fenster. Links ein dunkler Vorhang.
Irgendjemand schreit und röchelt.
In meinem Kopf sausen Bilder hin und her. Wenn ich mich nur erinnern könnte, was ich hier mache…
Eine Tür öffnet sich.

“Guten Morgen, Frau Schubert! Sie sind ja wach, wie schön!”

Eine Krankenschwester steht vor mir.

Sie kennt mich offensichtlich, aber ich sie nicht.
Irgendwie habe ich einen Filmriss. Plötzlich ist mir nach Heulen zumute.
Dabei bemerke ich ein Ziehen auf der rechten Bauchseite.

“Frau Schubert ich bin Schwester Heike. Ich habe sie die letzten Tage gewaschen und mich um Sie gekümmert.”

Die Frau ist so nett, ihre Stimme weich, ihre Augen blicken fast zärtlich.

“Sie haben die OP gut überstanden. Ihnen wurde ja das Stoma angelegt.”

Ich will etwas antworten, aber es kommt nichts aus meinem Mund heraus.
Dafür laufen mir die Tränen herunter.

“Nicht weinen”, sagt Schwester Heike mit ihrer freundlichen Stimme. “Sie haben es geschafft, das ist doch Grund zur Freude!”

Es ist mir so furchtbar peinlich, dass die Frau mich gewaschen hat. Ich blicke immer noch nicht so ganz durch.

Wenn ich mich nur erinnern könnte…

Ich taste noch einmal vorsichtig den Kopf ab.

“Sie sind ans EKG angeschlossen, das kommt bestimmt bald ab.Jetzt, wo sie wach sind. Sie sind hier auf der Intensivstation.”

So langsam dämmert es mir. Not-OP. Magdeburg Uniklinikum.
Lebenserhaltende OP mit künstlichem Darmausgang, hatte der Chirurg gesagt. Stimmt.
Ich hatte kurz abends mit meiner Mutter telefonieren dürfen.
Sie hatte gesagt, dass sie mich besuchen kommt, gleich den nächsten Tag.

“Kommt heute meine Mutter?” flüstere ich.

“Frau Schubert, ihre Mutter und ihr Bruder waren vorige Woche hier. Ihr Lebensgefährte auch.”

Letzte Woche?

Lebensgefährte? Wieso…was zum Teufel…in meinem Kopf kreist es hin und her, ich kann absolut keinen klaren Gedanken fassen. Aber wieso nicht heute? Sie hatte doch gesagt, heute!
(Anmerkung: Meine Mutter wohnte 200 km weit weg)

“Nicht weinen, es ist doch alles gut! Wir mussten Sie ins künstliche Koma legen. Alle haben schon gewartet, dass Sie wieder aufwachen. Ihr Körper ist noch schwach. Aber Sie schaffen das ganz bestimmt!”

Die nette Schwester streichelt mir über die Wange.
Es klingelt wieder über mir und ich erschrecke.

“Das stellen wir jetzt erst einmal ab, bis nach der Visite.”

Sie drückt auf irgendwelchen Knöpfen herum und verschwindet durch die Tür rechts.
Der metallische Geschmack in meinem Mund macht mich fertig.
Mir ist so schlecht.
Ich höre Pferde wiehern und nicke weg. Dieser merkwürdige Zustand wird wohl noch eine Weile anhalten.

Jemand kommt auf mich zu und redet mit mir.

Ist das mein Großvater?
Ich strecke die Hand nach ihm aus. Dabei habe ich ihn noch nie vorher gesehen.

“Frau Schubert, sind Sie wach?”

Es ist nicht mein Großvater. Ein junger Arzt steht vor mir. Ich beginne wieder zu schluchzen.
Es stehen mindestens fünf Ärzte und Schwester Heike in dem Raum.

“Sie hatten eine schwere Darm-Operation. Wir haben Sie fast neun Stunden operiert und einen künstlichen Darmausgang gelegt. Danach waren Sie so schwach, dass wir Sie in ein künstliches Koma legen mussten. Sie waren fünf Tage in der Narkose. Heute sind Sie aufgewacht.
Wie geht es Ihnen?”

Soll das ein Scherz sein? Beschissen geht es mir!
“Gut” flüstere ich.

Wo ist meine Stimme?

“Tubus lag bis wann?” fragt der junge Arzt einen Kollegen. Sie reden untereinander und tauschen sich aus.
Es ist für mein Gehirn wie durch die Luft fliegende Buchstaben.
Ich bekomme es einfach nicht auf die Reihe.

“Morgen schaue ich noch einmal bei Ihnen rein. Sie sind sicher noch sehr benommen!”

Ich versuche, mit dem Kopf zu nicken und denke an die Schläuche im Kopf. Dann fällt mir ein, dass es ja nur Saugnäpfe sind, hat Schwester Heike gesagt.
“Morphium schon abgesetzt?” wendet sich der Arzt an die Schwester. Er ist eigentlich ganz hübsch.
Ich dämmere wieder ein.
Die weißen Pferde fliegen durch den Raum und in die Heimat meiner Ahnen. Ich vermisse meine Mutter, überhaupt irgend jemanden…

Das war Teil 2 meiner Serie “Die Wende im Leben – Der unerkannte Morbus Crohn” von Ende 2007.

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Mrs. Eastie
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