Glaubst du, sie hat Defizite – oder wieso Frühförderung? Der selektive Mutismus

 
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Nun sind fast zwei Jahre um, seit sie in den Kindergarten kam.
Zuerst ein Gruppenwechsel innerhalb der Einrichtung, weil sie als Dreijährige unter den ganzen Fünfjährigen vollkommen unterging.
Dann drei Erzieher-Wechsel in der neuen Gruppe. Das alles in einem halben Jahr.
Und doch hatte sie sich eingelebt. Irgendwie.
Sie weinte zuhause, weil Erzieherin Nummer 1 weg war, aber dafür liebte sie Erzieherin Nummer 2. Die jedoch ging, als Erzieherin Nummer 3 kam.
Sie wurde noch unsicherer. Ein blöder Start ins Kindergartenleben. Aber machbar. Es gelang. Ab und zu. (Die volle Geschichte zum Kindergartenstart kannst du hier nachlesen)

So langsam kam ihr Lachen wieder, sie hatte eine Freundin gefunden und war sehr stolz.
Bis die Freundin ihr das erste Mal eine haute. Und der kleine eifersüchtige Nebenbuhler hatte es auch auf unser Kind abgesehen, denn sie brachte einfach bestehende Freundschaften in der neuen Gruppe durcheinander. Die neuen haben es ja meistens nicht so leicht.
Das Schweigen nahm leider wieder zu. Keiner kann etwas dafür, dennoch ist es nicht einfach.

Sieh´das doch einfach mal gelassen, tönte eine Stimme. Sie braucht eine ausgeglichene Mutter.
Ja das weiß ich selbst, aber denkt ihr alle vielleicht, mich beschäftigt nicht die Frage, warum sie einfach nicht spricht? Mit fremden Erwachsenen redet sie nicht, und nicht nur das. Sie ist nicht einmal in der Lage, sie anzuschauen. Was ist nur los mit unserer Maus?
Zuhause plappert sie wie ein Wasserfall. Sie singt alle Lieder, die sie im Kindergarten gelernt hat. Sagt alle Gedichte lautstark auf und kichert dabei. Klettert auf einen Stuhl und tut, als wäre sie ein Poet auf einer großen Bühne.
Und im Kindergarten ist sie still wie eine Maus. Manche lachen nicht einmal laut vor anderen. Doch sie lacht gern. Wer sie zum Lachen bringt, der hat einen Stein im Brett. Jeder Erwachsene, der sie irgendwie zum Lachen bringt, wird auch eines Tages mit ihr reden können. Ihre Stimme hören….
Doch wer macht sich schon die Mühe, einem fremden Kind ein Lachen zu entlocken?
Alle wissen über sie bescheid, aber manche Eltern kriechen förmlich in sie hinein, schieben den Kopf in ihre Richtung und stellen jede Menge Fragen. Sie antwortet natürlich nicht. Das tut sie nie.
Sie merkt, dass keine Zeit da ist, um wenigstens den Kopf schütteln zu können oder zu nicken.
Da kommt sicher auch kein Spaß auf.
Wenn wir dann ein Stück entfernt sind, sagt sie frech zu mir:“ Ich mag die Mutter von … nicht, sie ist so aufdringlich. Dauernd will sie etwas von mir wissen. Ich will von ihr ja auch nichts wissen.“
Trotzig schiebt sie die Lippen nach vorn.

Es ist ein Jahr vor Schulbeginn. Nun gut, das stimmt nicht ganz.Es sind anderthalb Jahre.
Was soll das bloß in der Schule werden?
Sie kann schon gut zählen und die Zahlen malen. Auch ihren Namen schreibt sie liebevoll auf jedes Blatt Papier. So wurde es im Kindergarten ja auch gemacht. Der Name kam immer drauf.

Der Kindergarten jetzt ist anders, das Konzept auch. Und unser Kind auch.
Sie hat sich verändert, ist aufgeblüht.
Sie redet vor den Erziehern mit mir. Im Einkaufscenter redete sie plötzlich mit der Verkäuferin. Sie ist stärker und selbstbewusster geworden.
Dennoch will sie noch viel mehr erreichen.
Auf dem Spielplatz fragt sie fremde Kinder, ob diese mit ihr wippen. Sie hat auch einen neuen Spielplatzfreund. Ich glaube, ihr Leben verläuft glücklich.

Wenn da nicht ihre besorgte Mutter wäre. Mütter sehen alles ganz anders. Sie wollen nur das Beste. Sie sollen nicht überbehüten, sie sollen vertrauen und loslassen können.
Sie sollen ihre Kinder stärken.
Ich weiß nicht, was andere von Müttern denken ,die schweigende Kinder haben. Wahrscheinlich haben sie die Info, dass eine Mutter wie ich eben nicht stärkend wirkt und auch nicht loslassen kann.
Gibt man bei Google „selektiver Mutismus“ ein, kommt irgend so eine Info, die in diese Richtung geht.
Das Vertrauen in die fremde große Welt ist dem Kind nicht vermittelt worden. Die Mutter hält es zu fest. Die Mutter stärkt es zu wenig. Dem schweigenden Kind fehlt ein guter Aufbau seines Ich- Bewusstseins.
Es traut sich nicht zu, ohne beschützende Mutter zu reden.

Aber wehe, ich sage den anderen, sie mögen meinem Kind doch bitte mehr zutrauen. Nein, es ist nicht sprach- oder entwicklungsverzögert. Im Gegenteil, vielleicht ist es hochbegabt. Zumindest ist es sehr weit.
Ich lasse das Mädchen auf den Spielplatz gehen, allein. Und werde bald darauf angesprochen, ob sie dafür nicht zu klein sei.
Nein, ist sie nicht. Sie sieht nur jünger aus. Frühchen sind eben etwas kleiner und manchmal wird es auch immer so bleiben.
Aber das hat doch nichts damit zu tun, was sie kann!

Im Kindergarten wurde sie wie eine Babypuppe behandelt. Die Erzieher hielten die anderen Kinder dazu an, ihr zu helfen. Beim Anziehen. Beim Reißverschluss zu ziehen.
Das konnte sie schon mit drei. Aber egal, sie sagte es ja keinem. Offensichtlich galt sie als die, die Unterstützung braucht. Warum eigentlich?
Sie wurde umhergetragen, getätschelt und angefasst, über den Kopf gestreichelt und an der Hand hinter sich hergezogen.
Das fördert enorm das Selbstbewusstsein.
Eines Tages kam sie weinend aus dem Kindergarten mit nachhause. Sie sagte nicht einen Ton zu mir und weinte nur. Sie weinte im Auto auf dem Heimweg, sie weinte beim Treppensteigen zur Wohnung hoch und dann schmiss sie frustriert Schuhe und Jacke von sich in den Korridor, warf sich aufs Sofa und schluchzte und weinte und es hörte einfach nicht auf.
Das Weinen wurde zum Tobsuchtsanfall.
Sie schmiss alles aus der Schrankwand im Wohnzimmer und verursachte ein heilloses Durcheinander.
Mädchen was hast du nur, fragte ich sie. Ich liebe dich doch, aber was soll ich nur noch mit dir machen?
Ja ja, alle lieben mich, schnauzte sie. Außer A., die haut mich und kritzelt über meine gemalten Bilder. Und alle anderen denken, ich bin ein Spielzeug. Da brauche ich auch nicht mehr reden.
Ihre Freundin schien öfter zu hauen. Doch was soll ich tun, soll ich es ansprechen?
Damit dann jeder wieder sagen kann, ich traue ihr nichts zu und packe sie in Watte?

Anderthalb Jahre noch und dann kommt sie in die Schule. Bleib´locker….ausgeglichene Mutter…du tust so, als sei sie behindert…Mütter müssen loslassen….Lass ihr doch ihr Tempo….

Heute habe ich mit der Kinderärztin telefoniert. Vielleicht könnte unser Kind eine Entwicklungsdiagnostik bekommen. Ein Jahr lang ganzheitliche Therapie. Mit Ergotherapeuten, Logopäden und Psychologen im Boot. Obwohl die Kinderärztin immer wieder betont, dass es so eine Spanne gibt bis hin zum sechsten Lebensjahr, in der manche Kinder eben noch nicht mit Fremden reden. Das sei bekannt.

Und unser Kind sei wirklich nur eingeschüchtert, aber sie komme mit viel Verständnis und Zuspruch aus ihrem Schneckenhaus heraus. Ganz sicher!

Ich fühle mich schlecht – ich, die verständnisvolle und gleichzeitig behütende, sorgenvolle Mutter. Die, die dem Papa mit ihren Spekulationen die Lockerheit am Leben und dem Erziehen nimmt, weil sie sich ständig fragt, was man mit seinem Kind anstellen könnte, damit es Vertrauen in die große Welt da draußen bekommt.
Ich, die fordernde Mutter, die jeden Tag hört und sieht, was ihr Kind schon alles kann und das es unterfordert ist, wenn es wie eine Babypuppe herumgetragen wird.
Ich, die ihr Kind draußen alleine spielen lässt und deswegen argwöhnisch beäugt wird.
Ach, ich vergaß die vielen Leichen im Keller, die wir da gestapelt haben.
Ich, die Mutter, die versucht, ihr Kind zu ermutigen, sich mit Freunden zu verabreden und nein zu sagen, wenn sie jemanden nicht gut findet, auch wenn sie in den Augen mancher anderer Defizite hat.
(„Wie soll sich ein stummes Kind denn Freunde suchen?“)

Ok, wir machen in der Frühförderstelle die Entwicklungsdiagnostik. Ein Jahr lang und mindestens bis zum Schulanfang. Oder soll ich wirklich warten, ob es sich verwächst?
Was, wenn nicht?

Und dann fragt mich eine Stimme: Glaubst du, sie hat Defizite – oder wieso Frühförderung?

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