Die Syrer und wir

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Ich lag die ganze Nacht wach.

Seit um zwei konnte ich nicht mehr schlafen.
Das kommt in letzter Zeit oft vor und dann dreht sich mein Gedankenkarussell.
Manchmal habe ich auch ein sofortiges Aha-Erlebnis. Je nachdem. Umso schneller schlafe ich dann wieder ein. Doch bei diesem Thema komme ich einfach nicht zur Ruhe.

Flüchtlinge.

Diskussionen über Diskussionen habe ich verfolgt. Linke Meinungen und rechte Ansichten. Argumente von „Normalsterblichen“ aus ganz Deutschland, gegendtypische aus unserer Region.
Wir zählen ja im Osten zu den ausgemachten Ausländerfeinden. In Sachsen, wo ich meine Blog – und Alltagsverwaltung organisiere, ist es besonders schlimm, sagen viele Artikel aus Zeitungen und politischen Publikationen. Das DDR-Regime habe seinen Anteil daran und die Jüngeren zögen nun auch nach.

27 Jahre nach der Wende.

Auf der Straße prügeln sich regelmäßig Neonazis mit Linksautonomen. Leipzig-Connewitz brennt. Der Stadtteil aller Stadtteile. Wer kennt nicht Connewitz?
In Borsdorf gibt es für die Flüchtlinge ein tolles Hilfsnetzwerk, dem ich auch selbst beigetreten bin, um Wohnungen einzurichten und Kinderaugen zum Leuchten zu bringen.
Und dann kommt in den Nachrichten, dass ein Flüchtling aus eben diesem Flüchtlingsheim in Borsdorf bei Leipzig einen Anschlag auf die russische Botschaft in Berlin plante.

Das alles nachts um drei zu verarbeiten, ist vielleicht nicht die ideale Zeit.

Dazu kommen die Terroranschläge von DAESH.
Mit dieser Abkürzung der Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und Großsyrien“ vermeiden Politiker es, den Namen zu verwenden, den die Terrororganisation sich selbst gegeben hat. Damit setzen sie ein Zeichen, dass das selbsternannte „Kalifat“ der Terroristen nirgendwo anerkannt wird.

Zerstörtes Syrien.

In den Nachrichten höre ich die Greueltaten von Syrien´s Präsident Baschar al-Assad gegen die eigene Bevölkerung, der wiederum schiebt es auf die Vereinigten Staaten von Amerika.
Doch seit 2014 flüchten die Syrer aus ihrem untergehendem Land. Sie flüchten vor Assad und erst zweitrangig vor dem Islamischen Staat.
Russland stellt sich hinter Assad. Kein Wunder – Syrien ist ja eine sozialistische Republik. Ein Schelm, der Böses denkt.

Alles in allem ein riesiges Durcheinander.

Je mehr ich lese und erfahre, desto schwerer ist es, das Puzzle im Kopf sinnvoll zusammenzusetzen.
Aber dafür haben wir ja die selbsternannten Hobby-Analytiker, die sich so gut mit der Wahrheit auskennen, dass sie alle anderen mit ihrer Brillianz abhängen.
Die Pro-Russisch-Eingestellten, die Linksautonomen, die Rechtsextremen und Ausländerfeinde, die Pro-Muslim-Eingestellten, Die Pro-EU-Verfechter, die ….ach, das ist mir zu verworren, zu unübersichtlich. Wir sind gefährliche Tiere, wir Menschen. Wir zerstören uns untereinander und unseren Lebensraum. Das ist vielleicht die Wahrheit der Wahrheiten.

Wahrheit gibt es ja nicht wirklich.

Es ist immer die subjektive Sichtweise, gefärbt durch ureigenste Prinzipien. Manchmal habe ich den Eindruck, wir befinden uns bereits in einem Glaubenskrieg.
Und mittendrin leben wir hier, in Deutschland, im Osten des Landes, in Sachsen. Unser Kind wächst hier auf und ich hätte nie gedacht, dass ich das Radio leiser drehe, weil uns gleich früh entgegenschreit „neuer Terroranschlag.“

„Warum sind diese Terroristen so wütend, Mama?“

Sie ist sechs Jahre alt und ich bin eine furchtbar feige Mutter, wenn es um solche Dinge geht.
Weil ich es ihr ja nicht erklären kann. Weil ich es selber nicht so wirklich verstehe. Ich kann vieles von dem nicht nachempfinden, was „da unten“ passiert.

„Ist der Assad auch ein Terrorist?“ fragt sie mich.

Wie kommst du denn darauf? Ich schaue sie erstaunt an.

Ist jeder, der Unschuldige tötet, ein Terrorist?

Ich mag nicht antworten und drehe einfach die Musik lauter. Ja, verflixt, ich bin ein Hasenfuß.

Mama, sind Assad und dieser Erdogan Brüder?

Mein liebes Kind. Du bist so ein tolles Mädchen und gewiss wird es die nächste Generation schaffen, anders zu sein als wir alle jetzt. Wir sind doch alle nicht ganz dicht und legen unsere Welt in Schutt und Asche. Ich wünsche mir nur, dass ihr in Frieden aufwachsen könnt.

Nein, sie sind keine Brüder. Erdogan ist der Präsident der Türkei und Assad der Präsident von Syrien.

Von dem Syrien, wo unsere Syrer her sind?

Unsere Syrer.

Mir wird warm ums Herz und gleichzeitig bin ich wie durchgeschüttelt.
Es ist so ein Zwiespalt in mir.
Es ist so ein Hin und Her.
Sind sie freundlich?
Mögen sie uns?
Sind sie vor Assad geflohen?
Kommen sie aus Aleppo?
Waren sie in Syrien arm oder reich?
Haben sie ihre Familie in Deutschland?
Haben sie Angst?
Müssen wir vor ihnen Angst haben?
Sind sie streng religiös? …

Sie sind doch eigentlich ganz nett. Sie können ja auch nichts dafür, dass sie beschossen wurden bei sich zuhause. Aber warum trägt die Frau ein Kopftuch? Sie sieht aus wie eine Matrjoschka.

Ich schaue auf die Uhr. Es ist mittlerweile früh um vier. Noch anderthalb Stunden, dann klingelt der Wecker. Ich möchte einfach gedankenfrei sein, noch ein bisschen schlafen. Sorglos sein.

Nein, ich bin nicht ausländerfeindlich.

Einige, die das jetzt lesen, werden bestimmt grinsen. Ja,ja – die nennt sich Mrs. Eastie, also ist sie eine Ost-Patriotin oder eine „Ich-bin-nicht-fremdenfeindlich-aber-Person“.

Ja, ich bin eine Ost-Patriotin.

Mir geht es um Vergangenheitsbewältigung, um Heilung der Seele, um Aufarbeitung meiner eigenen Erfahrungen. Meine Hass-Liebe zur DDR und meine Zuneigung zu den Orten, in denen ich aufwuchs und in denen ich meine Kindheit verbrachte. Neufünfland (klingt besser als Ostdeutschland?)

Die Wurzeln meiner Vorfahren liegen sogar noch ganz woanders und ganz sicher sehr „östlich“. Meine Großeltern hatten zudem mütterlicher- wie väterlicherseits Vertriebenenhintergrund.

Alles in allem passen auf mich alle, aber auch wirklich alle Klischees von „ostdeutsch und rechts.“

Wäre da nicht von klein auf eine weltoffene, tolerante Erziehung gewesen. Zwei Personen in meiner Familie haben mich besonders geprägt und der Rest kommt aus mir selbst.

Es ist ein Misch-Masch aus hohen moralischen Werten von Katholizismus und Sozialismus. „Wir üben aktive Solidarität mit allen um ihre Freiheit und nationale Unabhängigkeit kämpfenden Völkern.“ (Aus: Gesetze der Thälmannpioniere, ehem. DDR) und meinem ureigensten Gerechtigkeitssinn.

Rum wie num. Ich wurde in der achten Klasse das erste Mal von so einem „Hilfsnazi“ (so hießen bei uns in Südbrandenburg die unter 16-jährigen Neonazis) zusammengeschlagen und mein Becken hat er mir krumm gelatscht.

Ich weiss genau, wie sich Stahlkappen in Springerstiefeln anfühlen und meine Brille musste auch dran glauben. Ab diesem Tag war ich mit Stolz eine „Zecke“. Ich wurde über Nacht dazu gemacht. Alles nur, weil ich naiverweise bei Lieblingsbands in irgendeinem Steckbriefbuch „Die abstürzenden Brieftauben“ hineingeschrieben hatte.

Judenschlampe und Zecke nannten mich die neuen Mitschüler und ich wünschte mir, dass sie tot umfallen mögen, diese bekloppten, minderbemittelten Idioten. Einer davon arbeitet heute in Ägypten oder was weiss ich wo und wir sind auf Facebook „befreundet“.

Die meisten rannten mit denen mit. Ich dachte jahrelang, es wären alles Mitläufer gewesen, weil sie Angst hatten und eingeschüchtert waren. Mir kam nie der Gedanke, dass alle dasselbe Gedankengut teilen könnten. Nun gut.

Es gab diese Jugend-Sub-Kultur. Doch niemand wollte jahrelang etwas davon wissen, deshalb gruppierten sich sämtliche Jugendliche in Rechts, Links, Hip-Hop gegen Rassismus und ähnliche „Schubladen“ – und es gab auch Gewalt und Gegengewalt. Die typische 90 `er Jahre Jugend nach der Wende hier bei uns im Osten. Hier und da weniger oder mehr intensiv ausgeprägt…

Mrs. Eastie steht also nicht für rechts. Es steht auch nicht für links. Es steht nicht für die ehemalige DDR, nicht für den Osten mit seinem Pseudo- „Wir“, es steht nicht für Kommunismus und nicht für Nationalsozialismus. Mrs. Eastie steht für eine Zeitzeugin.

Und ich weiss nicht, wie ich meiner Tochter alle ihre Fragen zufriedenstellend beantworten soll. Ich bin vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Es gibt keine Abneigung gegen die Religion, jedoch auch keine Bewunderung dafür.

Ich empfinde Glauben als etwas Ureigenes. Das Wichtigste an Allgemeinwissen über die Weltreligionen besitze ich, ich habe einiges in der Bibel gelesen und nun bin ich beim Koran angekommen.
Doch welche verschiedenen Arten von Moscheen es gibt, warum Frauen unbedingt Kopftuch tragen müssen, wenn sie muslismisch glauben oder warum Katholiken freiwillig eine Beichte beim Pfarrer abhalten oder warum mache Juden an den Seiten Löckchen tragen und welche Feiertage es mit welcher Bedeutung gibt – das alles interessiert mich eigentlich gar nicht.

Ich sehe Deutschland nicht als christliches Land.

Es soll doch jeder glauben, was er mag. Ich bin Pantheistin, doch Neufünfland ist geprägt durch die DDR- Erziehung von vielen Atheisten bewohnt.

Es gibt darunter auch eine Mehrzahl an Humanisten und ich finde das vollkommen okay. Gerade der Humanismus sieht die Religion nicht als Nabel der Welt.

Wer will schon terrorisiert oder sogar umgebracht werden, weil er an einen bestimmten Gott nicht glaubt? Ich meine, Gläubige mit jeweils anderem Glauben könnten sich ja wenigstens annähern. Aber was ist mit denen, die nicht an Gott glauben oder zumindest fordern, Fragen stellen zu dürfen?

Nun haben wir hier in Deutschland religiösen Terror islamistischer Art. Ach was rede ich, in ganz Europa. Und natürlich in den islamischen Ländern. Soll das wirklich eine späte Rache für die christlichen Kreuzzüge sein?

Ich will nicht bekehrt werden und ich wünsche es mir auch für keinen anderen. Religionen sind immer mit einem Missionierungsauftrag ausgestattet und überall kann sich daraus Fanatismus entwickeln und daraus wiederum Militarismus. Kämpferische, blutige Missionierung.

Doch ich will frei sein in meinen Gedanken und Gefühlen und letztlich meinem Glauben. Manche glauben an den Sozialismus, manche an den Kapitalismus, manche an Außerirdische…der Mensch glaubt immer irgendetwas und er glaubt auch, dass alle anderen dasselbe glauben müssen, sonst sind die eben dumm, ungebildet oder nicht geläutert.

Intoleranz von allen Seiten. Egal von welcher.

Ach Mäuschen. Die Matrjoschka kommt doch aus Russland. Und die Frau trägt ein Kopftuch, weil sie … weil sie … (hmmm?) …

… Weil sie sich so wohlfühlt oder an irgendwas glaubt, oder Mama? Vielleicht kann ich ja mit den Kindern mal zusammen spielen! Sie gehen ja bestimmt nicht wieder sofort nach Syrien.

Die Syrer und wir. Unsere neue Nachbarschaft. Fremd und vertraut.

Der Wecker zum Aufstehen klingelt und ich frage mich, ob sich andere Menschen nur halb soviel Gedanken über alle diese Sachen machen. Bei manchen scheint es mir, sie wissen genau, wo sie stehen.

Nur ich versuche wie immer gedankliche Brücken zu schlagen. Ihr wisst ja, meine innere strenge Moral. Eine Art imaginäres Prinzipienbuch.

Aber am allermeisten bewundere ich mein Kind. Sie ist doch erst sechs. Die Nachrichten brauche ich wohl nicht mehr leiser drehen. Sie ist viel mutiger als ich. Wachse in Frieden auf, mein Mädchen.

Wir Erwachsenen müssen noch viel lernen …

 

 

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