Die Inklusion. Mein Kind soll nicht mit Behinderten in die Schule gehen.

Voraussichtliche Lesezeit: 5 minutes

Solange alles seinen Gang geht, ist hier bei uns in Sachsen jeder zufrieden. Arbeit, eine gute Schulbildung und ein wenig Spaß am Leben und alle sind glücklich.
Raum für neue Ideen, für Alternativen, für andere, nie da gewesene Wege – das ist deutlich schwerer umzusetzen.
Für manche wird dann auch schnell mal ein Spießrutenlauf daraus.

Wie ihr vielleicht wisst, hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) Ende 2006 die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet.

Seitdem geht es hoch her im deutschen Bildungssystem. Denn das neue Zauberwort heisst Inklusion. Es bedeutet, dass alle Menschen am gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt teilhaben dürfen, ohne wegen ihrer Behinderung ausgegrenzt zu werden. Inklusion ist ein Menschenrecht und 170 Länder inklusive Deutschland haben sich verpflichtet, sie durchzusetzen.

Das betrifft natürlich jede Menge Bereiche, unter anderem für die Kleinsten Kindergarten und Schule, später die Arbeitswelt, aber auch den allgemeinen öffentlichen Raum und das Internet.

Nun ist es momentan so, dass das deutsche Grundgesetz  ein Verbot der Benachteiligung von Menschen mit Behinderung enthält. Allerdings enthält es weder das Recht auf schulische und berufliche Bildung noch ein Recht auf Arbeit.
Zwar ist im deutschen Sozialgesetzbuch die Rehabilitation und Teilhabe von Menschen mit Behinderung verankert. Dennoch können nur wenige Kinder mit Lernschwierigkeiten hierzulande eine Regelschule besuchen. Damit nimmt Deutschland europaweit einen der letzten Plätze ein.

Nun haben wir mittlerweile das Jahr 2017. Seit elf Jahren versuchen wir hierzulande also mehr oder weniger (das möge jeder Betroffene selbst entscheiden), Inklusion zu leben und gesellschaftsfähig zu machen. Da es ein Menschenrecht ist, sollte schon längst viel mehr passiert sein.
Doch dieser Prozess ist eher schleppend.

Lehrer an regulären Schulen werden anders ausgebildet als Lehrer an Förderschulen. Das kann schonmal gar nicht gut klappen. Die Kapazitäten sind auch vollkommen ausgereizt.
Ein Lehrer mit 27 Schülern kann keine Inklusion vernünftig im Schulalltag umsetzen. Bücher und Arbeitshefte sind für viele Behinderungen überhaupt nicht angemessen gestaltet.
Die Lehrkonzepte beinhalten auch absolut keinen Platz für selbst geringes Fördern von Menschen mit Behinderungen. Das Leistungsprinzip steht im Vordergrund, eine gewisse Wettbewerbsfähigkeit, Lehrpläne, die regelrecht durchgerattert und abgearbeitet werden.
Die Ermessens – und Entscheidungsspielräume der einzelnen Schulen sind viel zu eng gefasst und auch die Lehrräume sind alles andere als behindertengerecht.

Wir haben – zumindest hier in Sachsen – so gut wie keine barrierefreien Zugänge zu Schulen für Rollstuhlfahrer oder gehbehinderte Schüler. Für Schüler mit Schwerhörigkeit fehlen die technischen Hilfsmittel. Für Kinder, die aufgrund seelischer Erkrankungen besondere Unterstützung benötigen, sind keine Möglichkleiten vorhanden, kleinere Klassen zu bilden oder ein angenehmes Lernumfeld zu schaffen. Für autistische Kinder mit Mehrfachbehinderungen ist es sehr düster, auf eine „normale“ Grundschule zu gehen, ebenso für Schüler mit Dyskalkulie, Legasthenie oder selektivem Mutismus.

Im Grunde genommen fehlt es an Rahmenbedingungen, Personal, Geld, Zeit und natürlich vor allem der Umstellung in den Köpfen.

Nicht einmal Nachteilsausgleiche können „einfach so“ vergeben werden. Dazu wird in Sachsen ein sonderpädagogischer Föderbedarf gestellt, das Kind zur Leistungserfassung in eine spezielle Förderschule geschickt, das Gutachten bzw. die Auswertung geht an die Sächsische Bildungsagentur und diese entscheidet dann, ob das Kind in einer „regulären“ oder einer speziellen Schule unterrichtet wird.

Für die Unterrichtung an einer dieser „normalen“ Schulen gibt es dann ein bis zwei Förderstunden für das Kind und eventuell einen Schulbegleiter, der auch ein paar Stündchen zur Verfügung hat.

So läuft es momentan mit dem Menschenrecht für behinderte Kinder.
Das ist sicherlich nicht gerade das Gelbe vom Ei.

Doch wie soll die Zukunft aussehen?

Viele Eltern gesunder Kinder haben Angst, dass ihre Sprösslinge jede Menge Nachteile erleiden, wenn sie mit Inklusionskindern beschult werden: Sie langweilen sich, schaffen den Schulstoff wegen des Lerntempos nicht oder – so sagte es mir kürzlich eine Mutter – sie ertragen die Behinderung eines anderen Kindes nicht, ohne dass sie selbst seelischen Schaden erleiden.
Genaugenommen sagte sie: “ Mein Kind soll lieber nicht mit Behinderten in eine Klasse gehen.“

Nun ist die Frage, ob es hier um Inklusion von Schwerstbehinderten gehen soll. Es wird sich vielleicht auch etwas ganz Falsches unter diesem Begriff vorgestellt.

Vielleicht müssen wir alle ein bisschen davon abrücken, dass der Schnellste, Stärkste und Klügste etwas wert ist und jeder andere Hilfe benötigt. Unter Umständen ist es eine große gesellschaftliche Aufgbe, zu erkennen, dass jeder Mensch Stärken besitzt, die gefördert werden können.

Doch wir sind so weit weg davon. In Zeiten, wo viele in stetiger Unsicherheit und Existenzangst leben, ist der Konkurrenzgedanke stark ausgeprägt. Um Inklusion zu leben und durchzusetzen, müsste sich unsere gesamte Gesellschaft verändern.

Das wäre wünschenswert, aber die Realität sieht anders aus.

Wie sollen wir denn Schulen inklusionsfähig machen ohne Geld und Personal? Wie sollen wir den Leistungsgedanken aus uns herausbekommen, wenn die Politik nicht einmal zur Einführung eines lebenswerten Mindestlohns in der Lage ist? Wie sollen wir tolerant und für neue Ideen offen „werden“, wenn doch so viele Menschen regelrechte Berührungsängste gegenüber „den anderen“ haben?

Ich hoffe, dass es einen Weg geben wird und eventuell auch auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen (UN) über die Umsetzung gesprochen wird.

Bis dahin werden die Eltern von lernschwachen oder / und gehandicapten Kindern und auch alle Erwachsene mit Behinderungen wahrscheinlich noch sehr lange zu kämpfen haben, bis eine Gleichberechtigung auch nur ansatzweise zu sehen ist.

Dennoch würde mich einmal interessieren, ob es Kinder in Förderschulen gibt, die lieber weiterhin in Förderschulen wären. Bei meiner Recherche und vielen Gesprächen (auch manchmal lautstarken Diskussionen) habe ich erfahren, dass nicht jeder glücklich über die Inklusion ist. Von Seite der gehandicapten Menschen.

Denn auch da gibt es oft Ängste und Vorbehalte, dass die Kinder im Unterricht nicht mitkommen und die Rahmenbedingungen zu anstrengend sind. Natürlich gibt es auch Sorgen wegen Mobbing und Ausgrenzung.

Unsere Tochter leidet an selektivem Mutismus und hat bisher keine Ausgrenzung erfahren.
Ihre Sprechblockade ist heilbar, sie gut integrierbar. Die Kinder reagieren unterschiedlich auf ihr Verhalten und sie fragen dann auch oft bei mir nach, was sie hat, warum sie das hat und warum sie nicht mit der Lehrerin spricht.
Mittlerweile kann sie der Lehrerin vorlesen und hat dafür ihre erste mündliche Note bekommen.
Sie ist ein sehr fröhliches und selbstbewusstes Kind und vor allen Dingen kommt sie sehr gut im Unterricht mit. Vor allem aber hat sie viele Freunde, dass kann ich nicht anders sagen.
Von anderen Eltern kamen bisher keine besonders verletzenden Bemerkungen, zumindest hielt es sich im Rahmen.
Nun gut, bei unserem Kind kommt tatsächlich keine andere Schule in Frage. Eine Sprachheilschule hilft ihr absolut nicht, da sie sehr gut verbal drauf ist.
Der selektive Mutismus ist eher zu den Angststörungen zu rechnen.

Selbstverständlich haben wir mit der Schule und dem Hort zusammengesessen und beraten, was wir tun können, um sie bestmöglich zu fördern und zu fordern. Schade finde ich in Sachsen, dass eine Schule nicht allein über einen Nachteilsausgleich entscheiden darf. Ohne sonderpädagogischen Förderbedarf geht da nichts. Da sind andere Bundesländer weiter. So steht in ihrem Zeugnis bisher immer, dass sie mündlich nicht bewertet werden kann.

Dennoch sehe ich bei ihr gute Chancen auf ihrem schulischen Weg. Als Inklusionskind ist sie weder dümmer als andere noch bräuchte sie diesen riesigen Aufwand an Bürokratie. es könnte und sollte viel schneller entschieden werden können, wie es weitergeht. Doch da sind den Schulen oftmals die Hände gebunden. Warum tut sich da nichts?

Wir freuen uns momentan über die gute Zusammenarbeit von Elternhaus, Schule, Hort und Ergotherapie (in der Schule vor Ort). Das ist ein wirklich guter Weg für unser Kind.

Doch generell sieht es mit der Umsetzung der Inklusionsfrage in Deutschland noch mau aus. Es wird wahrscheinlich weitere elf Jahre brauchen, ehe da einiges in Gang kommt.
Hoffen wir, dass es schneller geht und wir für alle eine gute Lösung finden können.

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