Dein wundervolles Kind. Je wütender, je besser.

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Jetzt beeil´dich doch mal. Wir kommen zu spät!

Such´dir was aus, aber mach schnell!

Jetzt lass´die Steine, die Bahn fährt gleich!

Trödel doch nicht so!

Ich habe jetzt echt keine Zeit, später, ja?

Kinder sind schon ein besonderer Schatz. All unsere Erfahrungen und Erkenntnisse sind in ihnen gespeichert. Spätestens seit dem neuen Wissenschaftszweig der Epigenetik wissen wir, was unsere nächsten Generationen da in sich speichern und mit sich herumtragen.

Unser Erbe – Ängste, Freude, Krankheiten, besondere Talente – liegt in den Genen und das alles geben wir an unsere Sprößlinge weiter. Somit haben Kinder sehr viele Anlagen, die sie für sich nutzen können, um in das Leben zu starten und es jeden Tag neu zu erforschen. Wie Schalter knippsen sich Gene an und aus, werden aktiv oder schlummern passiv im Erbanlagen-Nirvana herum – jederzeit bereit, je nach Umwelteinfluss eingeschaltet zu werden.

Kinder sind eine neue Generation Mensch, sie treiben die Evolution voran oder besser gesagt, sie verfeinern uns. Uns alle, den Homo sapiens. Mit jedem neuen Kind auf der Welt schreitet das Wunder der Menschwerdung weiter, wieder entsteht eine neue Mischung aus Erbanlagen, Synapsenbildung und Seelenausprägung.

Wäre unsere Gesellschaft psychisch gesund – der Homo sapiens also ein wenig vernünftiger und nicht so selbstzerstörerisch – dann würden wir unsere Zöglinge gut behandeln. Wir gäben ihnen die Zeit, zu gedeihen und sich zu entwickeln, in ihrem Tempo, auf ihre Art.

Denn wir selbst wissen, wie es war, ein Kind zu sein und vor allem wie es war, kein Kind sein zu dürfen. Als Erwachsene pflegen wir dann, soweit es geht, unsere seelischen Wunden oder wir verleugnen sie und funktionieren.

Ich habe vor langer Zeit einmal einen Roman gelesen, es war eins von den Büchern, die keiner wirklich kannte. Ihr wisst schon, aus einer Ramschkiste in der hintersten Ecke einer Bücherei. Wenn mich nicht alles täuscht, fand ich diesen Roman in Jena in den Neunzigern, da war ich noch jung und sehr idealistisch.

Jedenfalls ging es in dem Buch um prähistorische Figuren. Zu Zeiten, als die Männer noch jagen gingen und die Frauen Beeren sammelten (ich zweifle übrigens bis heute an dieser Theorie, aber dazu in einem anderen Artikel mehr) Es war ganz anschaulich beschrieben, was die Menschen da den ganzen Tag machten.

Besonders angetan hatte es mir die Hauptperson, ein Junge, vielleicht 10 oder 12 Jahre alt, der seine Sicht der Dinge beschrieb und dem ich die pure Lebensfreude, aber auch den Drang, manche Dinge anders zu machen als die Erwachsenen (Stammesältesten) sehr gut nachempfinden konnte.

Wenn du so ein Buch liest, dann schneppst du unwillkürlich zurück in diese Zeit. Du wanderst durch die Steppen, ärgerst dich über den größeren Bruder mit Fell um die Taille oder kannst dich sehr gut einfühlen in das erste heimliche zarte Verliebtsein.

Und dir kommt das Leben plötzlich so sinnvoll vor, so frei – wenn auch hart. Wer ginge heute schon noch gerne jagen, um für seine Existenz zu sorgen?… Das Leben pur, im Einklang mit der Natur war sicher nicht immer einfach. Doch es hat uns zu den Menschen gemacht, die wir heute sind.

Kinder haben alle diese Urinstinkte noch sehr erlebbar in sich, sie können stundenlang den Marienkäfer auf der Hand krabbeln lassen und ihn beobachten. Sie toben bis zum Umfallen und messen ihre Kräfte. Sie bauen sich Fantasie-Welten und schlüpfen in tausende verschiedene Rollen auf dem Weg zur Selbstfindung.

Sie lernen durch Spielen und dieses Spielen ist nicht begrenzt auf ein bestimmtes Alter, es verändert sich nur in Tiefe und Wirkung. Kinder sind nicht lieb und brav, sie sind nicht eziehbar zum Funktionieren, sie sind vielmehr eine geballte Ladung Energie und Power, vereint mit starker Willenskraft. Überlegt doch mal, wieviel Tatendrang so ein Kind am Tag hat. Da sind wir Erwachsenen von unserem stupiden (Arbeits-)Alltag oft so erschöpft und müde, dass es uns irgendwie nicht auffällt, was unser Nachwuchs zum Glücklichsein und Sich-Entfalten braucht.

Viele Erwachsene haben den Draht zur Urkraft des Lebens doch schon längst verloren, oft genug bewegen wir uns weder ausreichend oder aber nicht vielfältig genug, sodaß die Knochen schmerzen oder wir uns mit Übergewicht plagen. Wieviele von uns funktionieren jeden Tag irgendwie, schleppen sich so durch und sind mindestens seelisch komplett ausgebrannt? Unsere Kinder aber, die haben eine richtig explosive Kraft in sich – normalerweise haben auch wir Erwachsenen jede Menge davon. Wir sollten sie zumindest haben.

Da treffen sich nun Freunde nachmittags zum Spielen, die Größeren zum allgemeinen geistigen Austausch über entwicklungsrelevante Dinge wie Klamotten und anderes und die Kleineren zum Herumtollen auf dem Spielplatz oder Fahrradfahren. Jedenfalls, wenn alles gut läuft im sozialen Netz. Wenn nicht, dann sitzen Kinder verloren vor der Spielkonsole oder dem Fernseher und warten auf irgendeine soziale Interaktion, die natürlich auch trainiert werden muss. Jeden Tag wieder neue Erfahrungen zu machen, beugt allem Möglichen vor: Ängsten und Panikattacken, dem Gefühl des Alleinseins, dem Übergewicht und noch vielen anderen Dingen mehr.

Doch es ist ehrlich gesagt sehr schlimm, was wir mit unseren Kindern tun. Sie werden in kurze Zeitfenster gepresst, in denen sie spielen, Entscheidungen treffen, etwas von sich erzählen oder kreativ sein dürfen. Denn davor oder danach haben Eltern oft einfach keine Zeit und es rufen Verpflichtungen wie Kindergarten, Schule und nachmittags die Hausaufgaben.

Geht es ohne Verpflichtungen? Wahrscheinlich nicht, sie sind sogar sinnvoll. Jedoch es fehlt Zeit, um auf seine Weise die Welt zu entdecken. Logisch brennen irgendwann die Sicherungen durch.

Noch fünf Minuten, dann müssen wir aber…

Lies mal noch schnell den Text vor,…

Jetzt mach doch mal hin oder willst du nicht zum Fussball?

Zieh´dich an…

Naja ihr wisst schon, so ist es eben. Jeder kennt seine eigenen richtig doofen Eltern-Sprüche, um seinem Nachwuchs zu zeigen, wo es langgeht.

Und dann passiert etwas, womit offensichtlich Eltern und alle, die mit Kindern irgendwie zu tun haben, überfodert sind:

Mein Kind ist ständig sauer, hat Wutausbrüche, tobt, schreit, beisst, kratzt, sitzt nicht still, kann sich nicht konzentrieren, ist ständig frech. Ja – sage ich da – genauso so muss es sein. Wut muss heraus und ist nur die gebündelte unverbrauchte Energie, wenn sich Geist und Körper nicht bewegen dürfen.

So ein ordentliches Herumwüten zeigt uns allen doch nur, dass Gott sei Dank die ganze Power noch vorhanden ist. Wir tun gut daran, die Energie nun zusammen mit unserem Zögling wieder in andere Richtungen zu lenken.

Viel schlimmer wäre es, würde sich die Wut nach innen kehren und dort Schaden anrichten. Oder noch schlimmer: Sie wird einfach ignoriert, weil sie als schlechtes Gefühl definiert wurde.

So wie mir mal ein Vater erklärte: „Wenn mein Kind tobt (wütend wird), wird es aufs Zimmer geschickt und von mir ignoriert. Dann kommt es irgendwann wieder an und entschuldigt sich.“

(Für seine Wut!)

Ein kleiner Tipp: Vielleicht ist es besser, eine Runde um die Wette zu rennen oder einen Boxsack aufzuhängen, um erst einmal Raum und Platz für die Wut zu schaffen. Danach ist Reden wahnsinnig wichtig. Kinder wollen mit ihrer Wut nicht allein sein, sie brauchen das Gefühl, aufgefangen und ernst genommen zu werden.

Das weiss ich nicht, weil ich Pädagogik oder Psychologie studiert habe, sondern weil ich mir einen Teil des kindlichen Blickwinkels aufbewahren konnte. Es ist wie ein Wunder, doch nur so sind wir Erwachsenen in der Lage, zum eigenen Kind eine ganz besondere Verbindung aufzubauen. Umso mehr, wenn es herumwütet.

Also seht doch bitte Wutausbrüche als geballte Power und gesunde Willenskraft. Und schaut in eurer Herz, welchen Grund ein Anfall haben könnte.

Viele neue Erfahrungen auf der Selbstreise mit eurem Kind / euren Kindern! 🙂

 

 

 

 

 

 

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