5 Tipps, wie du als Außenstehender mit einem schweigenden Kind umgehen kannst

Voraussichtliche Lesezeit: 4 minutes

Stell´dir vor, du triffst auf eine Familie. Mama, Papa und Kind.
Gerade hast du das Kind noch quietschfidél reden und lachen hören. Doch als du es ansprichst, passiert etwas Seltsames.
Es wendet den Blick ab und hört aprupt auf, noch irgendeinen Ton zu sagen.
Hilfesuchend wendest du dich an die Mutter. Du schaust verunsichert zum Vater. Beide tun so, als wäre nichts passiert.
Was soll das? Was hat das Kind? Ein so schüchternes Kind?
Aber sie kommen doch völlig normal rüber. Oder gibt es da ein Familiengeheimnis?

Es gibt kein Familiengeheimnis

Sollte dir diese Familie öfter begegnen – vielleicht sind es ja wir – dann mach´dir doch bitte keine Sorgen. Unserem Kind geht es wirklich gut. Es hat das Zimmer voll Spielzeug, jeden Tag etwas zu lachen, Freunde, die es mögen und es spricht wie alle Kinder. Es hat Eltern, die es lieben, mit ihm kuscheln, auch mal schimpfen und immer für es da sind.
Nur bei fremden Erwachsenen, da hat es so seine Probleme. Es ist gehemmt, hat eine Sprechblockade, vielleicht aus Angst. Willentlich gesteuert ist das Schweigen jedoch nicht.
Irgendwann diente es als Strategie des Unterbewusstseins, um sich zu schützen und zu behüten und kommt aus dem Kind selbst. Es würde wahrscheinlich sehr gern ein paar Worte mit dir tauschen, doch soweit ist es (noch) nicht.

Sie ist damit nicht allein

Ungefähr zwei bis fünf von zehntausend Kindern im Vorschul- und Schulalter leiden unter (selektivem) Mutismus. In bestimmten Situationen reden diese Kinder einfach nicht. Manche reden nur in Kindergarten oder Schule nicht. Manche reden nicht mit größeren Kindern. Manche reden nicht mit fremden Erwachsenen. Manche reden nur mit Frauen, aber nicht mit Männern. Andere verstummen bei Frauen, reden aber mit anderen Kindern. Die einen reden nur in kleinen Gruppen, die anderen fühlen sich eher wohl, wenn sie nicht auffallen.
Jedes Kind ist darin anders, und somit gibt es nicht den selektiven Mutismus.
Das Einzige, was gesagt werden kann, ist, dass es mehr Mädchen als Jungen betrifft.

Es ist kein trotziges „Nicht-reden-Wollen“

Schweigende Kinder sind nicht trotzig und schweigen deshalb. Sie sind auch nicht schweigsam, weil sie es so wollen. Im Grunde genommen haben sie meistens keine Ahnung, warum sie so sind, wie sie sind. Ähnlich geht es den Eltern und anderen Familienangehörigen. Zuhause sprechen die kleinen Schweiger vortrefflich und sogar oft übermäßig viel. Natürlich dort, wo sonst?
Es ist der Raum der Geborgenheit, der Vertrautheit und da es ganz normale Kinder sind, erzählen sie natürlich genau wie jedes andere Kind.
Es wird davon ausgegangen, dass eine genetische Veranlagung besteht, denn oftmals können im familiären Umfeld der Betroffenen ebenfalls Gehemmtheit beim Sprechen oder soziale Ängste beobachtet werden.
Ob eine soziale Vererbung vorliegt, weiss auch keiner so ganz genau. Wahrscheinlich führen einige ungünstige Faktoren zusammen zum Ausbruch des Schweigens.
Doch eine große Rolle spielt das Transportieren von Vertrauen und Angenommenwerden des äußeren Umfeldes auf das Kind.
Bei unserem Kind begann das Schweigen beim Kindergarteneintritt. Sehr oft ist das der Fall.

Ich möchte euch fünf Dinge sagen

1. Die nonverbale Kommunikation ist wichtiger.
Darauf baut sich die verbale Kommunikation auf. Wer widersprüchliche Signale aussendet, hat es bei schweigenden Kindern doppelt schwer. Ein Beispiel ist, man hat die Arme verschränkt oder dreht sich beim Reden weg. Gleichzeitig sagt man zu dem Kind „Na, willst du mir nicht Hallo sagen!“ Abweisende Körperhaltung und freundliche Worte wirken unglaubwürdig. Oft sind diese Kinder Meister im Beobachten. Manchmal reichen einfach ein nettes Lächeln und ein kurzes Kopfnicken.

2. Warum ist uns Reden das Wichtigste?
Kinder sind im Allgemeinen nicht auf die Sprache fokussiert. Sie reden noch viel mehr mit dem Körper und kommunizieren untereinander zeitweise nicht einmal verbal. Im Grunde genommen spielen sie einfach miteinander.
Das ist ja das schöne an Kindern. Schweigende Kinder brauchen vor allem eins: Zeit.
Wenn dich dieses Kind noch nie gesehen hat oder du ihm nur sporadisch begegnest, solltest du keine Erwartungen an das Reden stellen. Warum sollte es dir vertrauen? Was willst du, was es dir mitteilt?
Interessierst du dich wirklich dafür, was in ihm vorgeht?
„Ja, aber alle Kinder reden doch…“
Nun – dieses eben nicht. Es ist nicht wie andere Kinder, was den Vertrauensaufbau anbetrifft.
Es hat eine diffuse Angst in sich drin, was sich nicht von heute auf morgen beenden lässt. Es ist nicht schüchtern und braucht „nur“ ein wenig länger zum Auftauen, sondern es leidet unter einer Sprechblockade. Das hat nichts mit dir als Person zu tun. Bitte dränge es nicht zum Reden, wenn du es nur einmal siehst oder aber sehr selten.

3. Wahre ein bisschen Distanz
Bitte beug´dich nicht zu dem Kind hinunter oder hock´dich gar davor. Es wird nicht wissen, wo es hin soll, um dem auszuweichen. Es möchte ganz sicher höflich sein, doch es hat einen sehr großen unsichtbaren Radius um sich gezogen. Wir alle haben einen kleineren oder größeren Radius. Bei schweigenden Kindern muss niemand in ihren Kreis eindringen, der ihnen nicht vertraut ist. Es reicht, wenn du dich vorsichtig annäherst und schaust, ab wann es ihm unangenehm wird. Wir Menschen sollten das eigentlich untereinander spüren.

4. Wirst du gern von Fremden berührt?
Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand einem auf die Schulter klopft und man zusammenzuckt.
Was hat er / sie da gerade gemacht? In manchen Kulturkreisen gehören Umarmungen, Küsse und Hand reichen zur Begrüßung. Ich selbst bin so ein herzender Mensch und die meisten in meiner Familie auch.
In Deutschland ist eher das etwas distanziertere Handgeben an der Tagesordnung. Bei schweigenden Kindern allerdings nicht. Sie reden nicht nur nicht mit Fremden, sie mögen auch deren Berührungen nicht.
Wenn du ein Lächeln oder sogar ein lautes Lachen von einem schweigenden Kind zurückbekommst, ist das schon mehr, als du dir vorstellen kannst. Doch es kann sein, dass es dennoch beim Hand geben, Durchkitzeln oder über den Kopf streicheln sofort zurückweicht. Bitte kuschel´und berühre die Personen, die das mögen, aber fordere es nicht von einem selektiv mutistischem Kind.

5. Unbefangen und locker
Kurze, freundliche Sätze ohne Druck, ein belangloser Scherz, eine kleine Ansage, eine geschlossene Frage, die mit Kopfnicken- oder Schütteln beantwortet werden könnte, ein Lächeln oder Augenzwinkern – es sind kleine Brücken, die du als Erwachsener einem schweigenden Kind bauen kannst.
Dennoch sollten diese Interaktionen wirklich klein sein, denn im Mittelpunkt stehen verstärkt das Schweigen.
Kinder fühlen sich ohnehin am wohlsten bei authentischen, selbstbewussten Erwachsenen, die ein kleines bisschen empathisch sind und auch ihr eigenes innere Kind nicht vergessen haben. Es gibt nichts Schöneres, als einem Kind zu zeigen, dass es als vollwertige kleine Persönlichkeit angesehen wird, angenommen und ernstgenommen wird.
Ob nun mit oder ohne Schweigen.

Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen helfen.

Liebe Grüße zum Freitag – dem Tag der Halbjahresinformationen :),

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